Sep
20
11:45 AM11:45

Biographische Rekonstruktionsarbeit (Impulsvortrag)

Über eine Methode, um den Leib als Laboratorium zur Erforschung von Familiengeschichte wahrzunehmen.

Rahmen: 18. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGSF: „Ich, Du und die anderen…“. Selbstorganisation - Selbststeuerung und die Frage nach dem Sinn

Während uns die fünf Sinne mitteilen, in welcher Weise wir mit unserem gegenwärtigen Umfeld verbunden sind, kennzeichnet der „sechste Sinn“, das Gefühl, die Spur, die uns zur Vergangenheit und zu den Vergangenen führt. Zugleich sagt es uns, wie wir - oder ob wir überhaupt schon - auf die Zukunft hin orientiert sind. Als fühlende Wesen sind wir diesem primären Geschichtssinn ausgesetzt, ja wir sprechen damit unbewusst in unserer originären Sprache. Bei ihr befinden wir uns im Hoheitsgebiet einer ursprünglichen Grammatik. Diese verweist uns auf eine vom Bewusstsein unabhängige Ordnungsmacht des menschlichen Lebens.

Das biographische Verfahren der Rekonstruktionsarbeit ähnelt dem Familienstellen äußerlich, nimmt jedoch in ganz anderer Weise auf die Arbeit mit Genogrammen Bezug. Es findet im Zusammenwirken von Therapeut und Klient statt und dient dazu, die Zusammenhänge zwischen Ohnmachtsgefühlen und Trauerprozessen zu erkunden und die Entdeckung der Wege, wie sie übertragen werden und sich wandeln, für den therapeutischen Prozess zu utilisieren. Jahrelange Erfahrung mit den grundlegenden biographischen Untersuchungsergebnissen war Voraussetzung für die Entwicklung dieser neuartigen diagnostischen und therapeutischen Methode. Sie eröffnet anlässlich des Auftauchens von Symptomen wesentliche Wege zur Selbstwerdung. Diese entfaltet sich in Gestalt sinnvoller Brüche mit widersprüchlich empfundenen familiären Loyalitäten. Die Methode korrespondiert mit der Entdeckung der Bedeutsamkeit von Altersrelationen und dient einer Überprüfung der Hypothese, dass sich Kinder in spielerischer Weise an Stellvertretungsordnungen orientieren und durch ein gesetzmäßiges Scheitern ihres Spiels die Notwendigkeit erleiden, durch Wahrnehmung der ihnen historisch zufallenden Verantwortung erwachsen zu werden.

In meinem Vortrag stelle ich als Arzt und Therapeut in aller Kürze den neuen Stand dar, den die Theorie und Praxis der Biographik seit meiner ersten diesbezüglichen Veröffentlichung  inzwischen erreicht hat. Er nimmt Bezug auf das Werk Viktor von Weizsäckers. Dieser hat, als Sigmund Freud bereits verfolgt wurde (1933), in dessen Jahrbuch einen grundlegenden Beitrag über „Körpergeschehen und Neurose“ veröffentlicht. Er hat ein ganzes Forscherleben (1886 bis 1957) der Aufgabe gewidmet, eine empirisch begründete ärztliche Hermeneutik zu entwickeln, die zur therapeutisch sinnvollen Beantwortung der drei Fragen „Warum gerade jetzt, hier und so?“ verhilft. Wohl wissend, dass er nicht zum Ziel gelangt war, bezeichnete er sie 1956 bereits im Vorgriff als „Biographik“. Deren Aufgabe lässt sich durch den Titel der Tagung umreißen. Ich möchte nun darüber berichten, inwiefern es sich dabei um eine aus dem täglichen Umgang mit Kranken erwachsene Methode handelt.

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Nov
15
to Nov 17

Würde und Gastrecht

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Grundlage der lebendigen Geschichte. 
Arbeiten mit den beiden biographischen Methoden „Biographische Analyse“ und „Familienrekonstruktion“ 

Ansprechpartner: Dr. med. Thomas Heucke
Telefon 02644/980026 – Fax 02644/981153
E-Mail: ISBE.linz@t-online.de Homepage: www.isbe-linz.de
Telefonische Anmeldung und Rückfragen sind dienstags bis donnerstags jeweils zwischen 15.30 und 16.00 Uhr möglich. 

Die Notwendigkeit einer biographischen Neubesinnung hat der Arzt Viktor von Weizsäcker aus den Schwächen der Psychoanalyse entnommen und im kollegialen Austausch mit Sigmund Freud bereits vor dem Zweiten Weltkrieg zum Ausdruck gebracht. Aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg konnte er als Inhaber des in Heidelberg neugegründeten ersten Lehrstuhls für „Allgemeine klinische Medizin“ sein Projekt einer Biographik, die das Problem des kranken Menschen als ein empirisch zu begreifendes geschichtliches lehrt, nicht mehr methodisch zur Entfaltung bringen. Um den Anforderungen der von ihm ermutigten Orientierung gerecht zu werden, muss man sich die historische Dimension seines Scheiterns vor Augen halten. Wer sich heute der Biographik widmet, betritt den Boden eines Vermächtnisses, das durch systemisches und strukturelles Denken allein nicht annähernd zu erfassen ist. 

Die grundlegende These der von mir in dieser Tradition entwickelten Biographik lautet: Dem menschlichen Leben wohnt eine Rechtsordnung unmittelbar inne, die mit dem Namen „Gastrecht“ und mit der Feststellung, dass die Würde des Menschen unantastbar sei, zutreffend charakterisiert ist. Die These besagt vor allem, dass diese leibhaftige Rechtsordnung der Erforschung zugänglich ist. Meines Wissens gibt es keinen anderen Ansatz für ein wissenschaftliches Programm, das diesem Ziel gewidmet ist. Ebenso bemerkenswert erscheint mir die folgende Tatsache: Die biographische Heuristik stützt sich nicht nur auf die unmittelbar überprüfbaren Daten und Fakten, die bei der Erhebung von Stammbäumen gewonnen werden, sondern darüber hinaus auf die überprüfbare Erfahrung, dass das Gefühl als Ordnungssinn zu gelten hat und dass die Gefühle eine spezifische Grammatik aufweisen.

Beide Ansätze sind für das Entstehen der Biographik in ihrer jetzigen Gestalt konstitutiv gewesen, und sie verhalten sich zueinander wie Standbein und Spielbein. Ohne deren Zusammenwirken hätte es kein sicheres Voranschreiten zu dem Erfolg gegeben, der die biographische Empirie befähigt, über die unbeschränkte Geltung des Gastrechts aufzuklären – dies ohne die menschliche Freiheit infrage zu stellen, sondern, im Gegenteil, zur Aufklärung darüber zu dienen, was unter „Freiheit“ zu verstehen ist. Dass sie den Rang einer wahrhaft metaphysischen Wissenschaft beanspruchen darf, unterscheidet sie von anderen Ansätzen zur Diagnostik und Therapeutik.

Mein dreitägiges Seminar befasst sich mit der „Grammatik der Gefühle“ und der „Choreographie der Versöhnung“. Es widmet sich der Aufgabe, anhand von Krankengeschichten das diagnostische und therapeutische Zusammenwirken von genographischer Analyse und Rekonstruktionsarbeit zu demonstrieren. Während die genographische Analyse das Feld für einen distanzierten methodischen Blick auf versteckte Sollbruchstellen im Leben von Klienten eröffnet, ermöglicht die Rekonstruktionsarbeit die unmittelbare Erfahrung mit dem Unterschied zwischen dem kindlichen Rollenspiel in Stellvertretungsfunktionen und dem Innewerden des Ernstes, der zur Wahrnehmung der wirklichen historischen Position von Personen verpflichtet.

Aus der Entdeckung der für das menschliche Leben spezifischen Stellvertretungsordnung ist das theoretische Gerüst einer verlässlichen genographischen Analyse erwachsen. Aber auch bei großer Erfahrung mit dieser grundlegenden Methode verrät sie häufig noch nichts von den Geheimnissen ungelebten Lebens und unerfüllter Liebe, die sich in Symptomen verbergen und auf deren Entschlüsselung es insbesondere ankommt, um den therapeutischen Prozess zu befördern. Vielmehr zeigt sich zumeist erst bei der Rekonstruktionsarbeit, was es damit auf sich hat. Erst wenn Klienten sich auf eine biographische Würdigung ihrer Gefühle einlassen, können sie am eigenen Leibe ihre kindlichen Loyalitäten erfahren und sich für eine neue Selbstfindung und Verbundenheit entscheiden. Die Besonderheit, wodurch die Rekonstruktionsarbeit über die genographische Analyse hinauswächst, besteht darin, dass sie zu der Einsicht verhilft, dass der Unterschied zwischen Liebe und Tausch keinerlei Verwechslung verträgt, weil er demjenigen von Leben und Tod gleichkommt. Im Dienst der Wahrhaftigkeit gilt es, unbedingt zwischen prinzipieller Ersetzbarkeit der Funktionsträger in der Struktur von Systemen und prinzipieller Unersetzbarkeit von Personen innerhalb ihrer Familiengeschichte zu unterscheiden.

Therapie ist ohne Friedensschluss mit den Vergangenen nicht möglich, und Frieden entspricht der Erfahrung, dass die Würdigung der Toten gleichbedeutend ist mit dem Empfang ihres Segens. Der empirische Nachweis dieser Hypothese ergibt sich aus der Anwendung der biographischen Rekonstruktionsmethode. Als eine spezifische Form von Systemaufstellung ist diese zugleich das wichtigste Experimentierfeld, auf dem sich die allgemeingültige Grammatik der Gefühle anhand des dabei zur Geltung gebrachten Symbolismus erfahren lässt. Gleichwohl ist sie auf eine entfaltete Technik der genographischen Analyse angewiesen. Vor diesem Hintergrund erweist sich allerdings die Rekonstruktionsarbeit als der lebendigere, weil unmittelbar empfundene Part biographischer Orientierungshilfe.

Die therapeutische Aufgabe besteht in der Ermutigung des Klienten, die Schwelle zu überwinden, die seine Kindheit vom Erwachsenwerden trennt, den allgegenwärtigen Boden der Macht des Gastrechts in heilem Zustand zu erreichen und die Bereitschaft zu entwickeln, als Erwachsener das Tor für Zukünftiges zu öffnen. Darum bezeichne ich die Rekonstruktionsarbeit als „Choreographie der Versöhnung“.    

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May
27
11:00 AM11:00

Zur Kritik des Freudomarxismus

Zur Kritik des Freudomarxismus

Die Menschen machen einander weder so, wie Marx noch wie Freud behauptet haben: weder durch Entfaltung der Produktivkräfte, wie es nach Marx gegenwärtig die Desorganisation unter dem Diktat des Kapitals verlange, noch durch den sexuellen Umgang miteinander, wie es noch immer unter dem Diktat des Sexualtriebs geschehe, sondern sie bringen durchweg zum Ausdruck, dass sie einander die Wahrnehmung von Verantwortung schulden und dass dies allein durch Entfaltung ihrer Selbstbewegung erfolgen kann. „Selbstbewegung“ aber ist lediglich ein anderes Wort für „Wahrnehmung von Verantwortung“. Denn beide Wörter bedeuten dasselbe: Liebe. Die Ebenbürtigkeit dieser Wörter bzw. deren Eignung für einen wechselseitigen Ersatz verweist auf die Erkenntnis, dass in der Liebe Geben und Nehmen Eines sind. Es wiederholt bzw. bestätigt sich in ihnen die Entdeckung, dass sich alle Versöhnung als Sinnerfüllung des vierten mosaischen Gebots erweist, das heißt als wechselseitige Befähigung, die Güte von Kindschaft und Elternschaft zu vernehmen. Das ist zugleich das Wesen aller Vernunft. 

Diese Einsicht ergibt sich aus der biographischen Methodologie zur Untersuchung und Behandlung der Symptomatik von Lebensläufen. Sie folgt weder aus den Lehren vom Karl Marx noch aus den Lehren von Sigmund Freud. Im Unterschied zum Freudomarxismus dient die Biographik zur Erforschung der absoluten Gültigkeit des Gastrechts. Sie entfaltet eine neuartige, durch Viktor von Weizsäcker initiierte „Theorie der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen“, und ihre Anwendung ist bereits eine grundlegende, das heißt konstruktive Kritik des dialektischen Materialismus von Marx und Freud.

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Feb
14
5:00 PM17:00

Mit Gefühlen erzählen wir einander heimlich unsere Geschichte

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Inforum Oldenburg:

"Unerzählte Geschichte – nicht vergangene Geschichte"

Im Gefühl stellt sich dar, ob unser Verhältnis zur Vergangenheit und zu unseren Vergangenen ins Reine gebracht ist oder nicht. Im Gegensatz zu einem verbreiteten Vorurteil erweist sich unser Gefühl als ein Ordnungssinn. Es ernst zu nehmen, gelingt nur dadurch, dass wir seine Sprache im Einzelfall entschlüsseln. Grundsätzlich erzählt es uns unsere Familiengeschichte samt den Verpflichtungen, die in ihr entstehen und uns bewegen. Unsere Gefühle lassen uns spüren, dass keine Generation von der Last dieser Erbschaft frei ist. Wirkliche Freiheit wird durch Aufklärung über diese unsere Pflichten errungen.

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Oct
21
10:00 AM10:00

Choreographie der Versöhnung und Grammatik der Gefühle

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Während uns die fünf Sinne mitteilen, in welcher Weise wir mit unserem gegenwärtigen Umfeld verbunden sind, kennzeichnet der „sechste Sinn“, das Gefühl, die Spur, die uns zur Vergangenheit und zu den Vergangenen führt. Zugleich sagt es uns, wie wir - oder ob wir überhaupt schon - auf die Zukunft hin orientiert sind. Als fühlende Wesen sind wir diesem primären Geschichtssinn ausgesetzt, ja wir sprechen damit unbewusst in unserer originären Sprache. Bei ihr befinden wir uns im Hoheitsgebiet einer ursprünglichen Grammatik. Diese verweist uns auf eine vom Bewusstsein unabhängige Ordnungsmacht des menschlichen Lebens.

Bei der Anwendung der Biographik, einer von mir entwickelten biographischen Methode, dient das aus ihr hervorgegangene Verfahren der Rekonstruktionsarbeit dazu, die Zusammenhänge zwischen Ohnmachtsgefühlen und Trauerprozessen zu erkunden und angemessen zu berücksichtigen. Jahrelange Erfahrung mit den grundlegenden biographischen Untersuchungsergebnissen war Voraussetzung für die Entwicklung dieser neuartigen Konstellationsarbeit. Es gilt nun, die überragende Bedeutung darzustellen, die dies neuartige Verfahren beansprucht. In meinem Seminar werde ich sie als diagnostische und therapeutische „Choreographie der Versöhnung“ vorstellen und aufzeigen, inwiefern sie dazu berechtigt, von Gesetzmäßigkeiten einer spezifisch menschlichen „Grammatik der Gefühle“ zu sprechen.

Mein Seminar gibt also Gelegenheit, sich mit dem Stand der Theorie und Praxis, den die Biographik seit ihrer Erstvorstellung vor sechzehn Jahren erreicht hat, vertraut zu machen.

Oldenburg, 21.7.17

Rainer Adamaszek


Anmeldung
per Mail ISBE.linz@t-online.de 
oder telefonisch (02644/980026)

Kosten: 150 EUR
Anmeldeschluss: 11.10.17

Ansprechpartner: 
Dr. med. Thomas Heucke
Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Telefon 02644/980026 - Fax 02644/981153
ISBE.linz@t-online.de
www.isbe-linz.de (Anmeldeformular)    

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